Sprache in der Gesellschaft

Die Ursprache

Unwörter des Jahres

Wörter des Jahres

Buchstaben

Buchstaben-Reihenfolge

"Neue Deutsche Rechtschreibung"

Code in Arbeitszeugnissen

Anschaulichkeit: Der Untergang des Abendlandes

 Deutsch/Fremdsprache  -  Slang  -  Sprichwörter  - 
Sprache in Gesellschaft  -  Wichtige Sprachen  - 
Spiele mit Sprache  - 
Sprache und Wissen

Sprache in der Gesellschaft
 

Die Ursprache

Kaiser Friedrich II. (1194 - 1250) wollte nach Wahrheit suchen, um sein Reich mit höchster Weisheit regieren zu können. Da in seinem Reich viele Sprachen gesprochen wurden, wollte er erfahren, welches die menschliche Ursprache sei und ließ eine Anzahl Kinder von Ammen groß ziehen, denen das Sprechen mit den Kindern unter Strafe verboten war. Es sollte sich so herausstellen, ob die Kinder, ohne eine Sprache gehört zu haben, hebräisch, griechisch, lateinisch, arabisch oder die Elternsprache sprechen würden.
Ehe dieser Versuch zu einem Erfolg führte, starben alle Kinder stumm.
 

Unwörter des Jahres

Das »Unwort des Jahres« wurde von 1991 bis 1994 von der GfdS ausgewählt und bekannt gegeben. Seit 1994 wird die Aktion von einer institutionell unabhängigen Jury durchgeführt.

Internet: www.unwortdesjahres.net

Die Liste der Unwörter im Überblick:

2015 2014
Gutmensch Lügenpresse
Hausaufgaben (Griechenland) Erweiterte Verhörmethoden
Verschwulung Russland-Versteher
   
2013 2012
Sozial-Tourismus Opfer-Abo
Arbeitnehmer/Arbeitgeber Pleite-Griechen
  Lebensleistungsrente
   
2011 2010
Döner-Morde alternativlos
Gutmensch Integrationsverweigerer
Marktkonforme Demokratie Geschwätz des Augenblicks
   
2009 2008
betriebsratsverseucht notleidende Banken
Flüchtlingsbekämpfung Rentnerdemokratie
intelligente Wirksysteme Karlsruhe-Touristen
   
2007 2006
Herdprämie Freiwillige Ausreise
klimaneutral Konsumopfer
entartet Neiddebatte
   
2005 2004
Entlassungsproduktivität Humankapital
Ehrenmord Begrüßungszentrum
Bombenholocaust Luftverschmutzungsrechte
Langlebigkeitsrisiko  
   
2003 2002
Tätervolk Ich-AG
Angebotsoptimierung Ausreisezentrum
Abweichler Zellhaufen
   
2001 2000
Gotteskrieger national befreite Zone
Kreuzzug überkapazitäre Mitarbeiter
Topterrorist Separatorenfleisch
therapeutisches Klonen »Dreck weg!«
Gewinnwarnung (deutsche) Leitkultur
   
1999 1998
Kollateralschaden sozialverträgliches Frühableben
  Belegschaftslasten
  Humankapital
  Moralkeule
   
1997 1996
Wohlstandsmüll (arbeitsunfähige Kranke) Rentnerschwemme
Organspende Flexibilisierung
Blockadepolitik/-politiker Outsourcing
neue Beelterung Umbau des Sozialstaats
  Gesundheitsreform
  Sozialhygiene
   
1995 1994
Diätenanpassung Peanuts
Altenplage Besserverdienende
biologischer Abbau Dunkeldeutschland
sozialverträglicher Stellenabbau Buschzulage
abfackeln Freisetzung
   
1993 1992
Überfremdung ethnische Säuberung
kollektiver Freizeitpark weiche Ziele
Sozialleichen jemanden abklatschen, aufklatschen
schlanke Produktion (lean production) aufenthaltsbeendende Maßnahmen
Selektionsrest Beileidstourismus
   
1991  
ausländerfrei  
durchrasste Gesellschaft  
intelligente Waffensysteme (intelligente Bomben)  
Personalentsorgung  
Warteschleife  

 

Wörter des Jahres
 
2011 2010
Stresstest Wutbürger
hebeln Stuttgart 21
Arabellion Sarrazin-Gen
Merkozy Cyberkrieg
Fukushima Wikileaks
Burnout schottern
gutenbergen Aschewolke
Killersprossen Vuvuzela
Ab jetzt wird geliefert Femitainment
Wir sind die 99 % unter den Eurorettungsschirm schlüpfen
   
2009 2008
Abwrackprämie Finanzkrise
kriegsähnliche Zustände verzockt
Schweinegrippe Datenklau
Bad Bank hessische Verhältnisse
Weltklimagipfel Umweltzone
Deutschland ist Europameisterin multipolare Welt
twittern Nacktscanner
Studium Bolognese Rettungsschirm
Wachstumsbeschleunigungsgesetz Bildungsfrühling
Haste mal 'ne Milliarde? Yes, we can
   
2007 2006
Klimakatastrophe Fanmeile
Herdprämie Generation Praktikum
Raucherkneipe Karikaturenstreit
arm durch Arbeit Rechtschreibfrieden
Dopingbeichte Prekariat
Lustreisen Bezahlstudium
Second Life Problembär
Bundestrojaner Poloniumspuren
spritdurstig Klinsmänner
Alles wird Knut schwarz-rot-geil
   
2005 2004
Bundeskanzlerin Hartz IV
Wir sind Papst Parallelgesellschaften
Tsunami Pisa-gebeutelte Nation
Heuschrecken gefühlte Armut
Gammelfleisch Ekelfernsehen
Jamaika-Koalition Praxisgebühr
hoyzern Ein-Euro-Job
suboptimal aufgestellt
Telenovela Rehakles
FC Deutschland 06  
   
2003 2002
das alte Europa Teuro
Agenda 2010 PISA-Schock
Reformstreit Jahrtausendflut
SARS/Sars Kakophonie
eingebettete Journalisten Ich-AG
Maut-Desaster Bushkrieger
Steuerbegünstigungsabbaugesetz Job-Floater
Jahrhundertglut verhunzingern
googeln Arzneimittelausgaben-begrenzungsgesetz
Alcopops "Es gibt nur ein" Rudi Völler!
Deutschland sucht den Superstar  
   
2001 2000
der 11. September Schwarzgeldaffäre
Anti-Terror-Krieg BSE-Krise
Milzbrandattacke Greencard
Schläfer gegen Rechts
Stammzellenimport SMS
Schlafmünzen Kampfhund
Homo-Ehe brutalstmöglich
Agrarwende Leitkultur
Luderliga Big-Brother-Haus
Riester-Rente basta
simsen  
Und das ist (auch) gut so!  
   
1999 1998
Millenium Rot-Grün
Kosovokrieg Viagra
Generation neue Mitte
Euroland "Ich habe feritg!"
nachbessern Event
Doppelpass jahr-2000-fähig
Anderkonto Cousinenwirtschaft
feindliche Übernahme Moralkeule
Sofi Euroland
Rindfleischetikettierungsüber-wachungsaufgabenübertragungs-gesetz Ökosteuer
  nachhaltig
  "piep, piep, piep"
   
1997 1996
Reformstau Sparpaket
Ruck durch Deutschland Haushaltslöcher
Bildungsmisere Lohnfortzahlung
Klonschaf Globalisierung
Elchtest Homepage
Tamagotchi Rechtschreibreform
Jahrhundertflut genmanipuliert
Paparazzi Kinderschänder
Arbeitsgesellschaft Inline-Skating
  Ladenschluss
   
1995 1994
Multimedia Superwahljahr
Eurogeld Jackpot
Kruzifixurteil Unwort
Reichtagsverhüllung Osterweiterung
Kampfeinsatz Filosofie
anklicken (mit der Computermaus) schlanker Staat
virtuelle Realität Peanuts
Datenautobahn bezahlbar
Wir sind Kirche Zukunftsministerium
Rechtschreibreform rote Socken
   
1993 1992
Sozialabbau Politikverdrossenheit
Standort Deutschland Fremndenhass
Blutskandal Rassismus
Amigo-Affäre Rechtsruck
Pflege (Pflegeversicherung) Lichterkette
umdenken Solidarpakt
großer Lauschangriff gaucken
Asylkompromiss Maastricht
Ostalgie ethnische Säuberung
Dino Blauhelmeinsatz
  outen, Outing
  Erlanger Baby
   
1991 1990
Besserwessi die neuen Bundesländer
abwickeln vereintes Deutschland
Kurzarbeit Null 2+4-Gespräche
Ausländerhass polnische Westgrenze
Stasisyndrom sozial abfedern
Wohlstandmauer menschliche Schutzschilde
chirurgische Kriegführung Verpackungsflut
Pax americana Verkehrsinfarkt
Kein Blut für Öl Tatortprinzip, Wohnortprinzip
Preußenfieber  
Autodiät, Mülldiät  
Solidaritätszuschlag  
   
1989 1988
Reisefreiheit Gesundheitsreform
BRD DR Robbensterben
Montagsdemonstrationen Kälbermastskandal
chinesische Lösung Atommüllskandal
Flüchtlingsstrom Tiefflug
Begrüßungsgeld Reichskristallnacht, Reichspogromnacht
runder Tisch Europäischer Binnenmarkt
multikulturell  
Mauerspecht  
Trabi  
   
1987 1986
Aids, Kondom Tschernobyl
Perestroika, Glasnost Havarie
Waterkantgate Super-Gau
Ozonloch Historikerstreit
Molkepulver  
Handlungsbedarf  
Kremlflieger  
Dienstleistungsabend  
   
1985 1984
Glykol Umweltauto
SDI Formaldehyd
Eureka Neidsteuer
High-Tech Tempolimit
D 1 Bananenrepublik
Aids Tiefkühlbaby
Realo, Rambo  
   
1983 1982
heißer Herbst Ellenbogengesellschaft
Volksaushorchung Wende
Zündi Mitte
Waldsterben Talfahrt der Wirtschaft
  Arbeitslosigkeit
  sparen
  Ausländer
  Entrüstet euch!
  Neue deutsche Welle
   
1981 1980
Nulllösung Rasterfahndung
Sommertheater Asylant
(rett)bar Instandbesetzer
Zweierkiste Arbeitsbegräbnis
Schrägstrichehe Olympiaboykott
draufsatteln auf Probe
Job-sharing  
   
1979 1978
Holocaust konspirative Wohnung
Boat people die Grünen
Nachrüstung Geisterfahrer
Ölschock Rooming-in
alternativ die Schlümpfe
zum Anfassen Disco
  Single
   
1977 1971
Szene aufmüpfig
Terrorismus, Terrorist Junktim
Sympathisant Umweltschutz
Entsorgung Umweltverschmutzung
Lauschangriff Nostalgie
Black-out heiße Höschen
   
Buchstaben

Buchstaben, geordnet nach der Häufigkeit ihres Auftretens in der deutschen Sprache:
E-N-I-S-R-A-T-D-H-U-L-C-G-M-O-B-W-F-K-Z-P-V-J-Y-X-Q
 

Buchstaben-Reihenfolge

Afugrnud enier Stidue an der elingshcen Cmabrdige Unvirestiät ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfoge die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen,das enizg wcihitge dbaei ist, dsas der estre und lzete Bcuhtsbae am rcihgiten Paltz snid. Der Rset knan ttolaer Bölsdinn sien, und man knan es torztedm onhe Porbelme lseen.
Das ghet dseahlb, wiel das mneschilche Geihrn nciht jdeen Bchustbaen liset sodnern das Wrot als Gnaezs.
Wzou aslo ncoh Rehctshcrieberfromen??

Anmerkung: Dieses schöne Beispiel für das Funktionieren des menschlichen Gehirns klappt nur bei Texten mit allgemein gebräuchlichen Wörtern, nicht unbedingt bei Fachtexten, wie Timo Kißing in seinem Blog sehr eindrucksvoll belegt!

Und auf englisch:


 

"Neue Deutsche Rechtschreibung"

etwa 600 Literatur- und Sprachwissenschaftler
in einer gemeinsamen Erklärung, Mai 1998
„Die sogenannte Rechtschreibreform ‚entspricht nicht dem Stand der sprachwissenschaftlichen Forschung‘ (so die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft am 3. März 1998), sogar die Rechtschreibkommission der Kultusminister hat in ihrem Bericht vom Dezember 1997 wesentliche Korrekturen als ‚unumgänglich‘ bezeichnet. Eine derart fehlerhafte Regelung, die von den bedeutendsten Autoren und der großen Mehrheit der Bevölkerung mit guten Gründen abgelehnt wird und die Einheit der Schriftsprache auf Jahrzehnte zerstören würde, darf keinesfalls für Schulen und Behörden verbindlich gemacht werden.“

Harry Rowohlt
Übersetzer und Autor (Hamburger Abendblatt, 31.7.97)
„Diese Reform ist doch subventionierte Legasthenie.“

Wolfgang Frühwald
Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Forschung & Lehre, Nr. 5, Mai 1997)
„Ich bin ein Gegner der Reform der deutschen Rechtschreibung - dieser Reform, die unentschlossen, oberflächlich, verfälschend in Orthographie, Lexikon und Semantik der deutschen Sprache eingreift. Theodor Ickler hat recht (eben leider nicht ‚Recht“, wie die neue Schreibung suggeriert): Diese Reform, welche die Schwierigkeiten der deutschen Rechtschreibung durch Inkonsequenz und Variation vergrößert, welche die grammatikalische Zeichensetzung durch Rückfall in rhetorische Kommasetzung ersetzt, ist eine Reform für die Schreibenden, insbesondere für die seltsame Figur des ‚Wenigschreibers“, und stößt die Leser deshalb vor den Kopf.“

Focus, 29.07.2008
Schüler machen doppelt so viele Fehler
Der Forscher Uwe Grund von der Universität Saarland hat die Auswirkungen der Rechtschreibreform unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist katastrophal: Auch noch zehn Jahre nach der Einführung kämpfen Deutschlands Schüler mit der Orthografie. Grund verglich Diktate und Aufsätze aus den Jahren 1970 bis 2006. Demnach hat sich die Fehlerquote durchschnittlich mehr als verdoppelt. Hat ein Schüler im Jahr 1970 durchschnittlich noch 3,5 Fehler im Diktat gemacht, waren es im Jahr 2006 im Schnitt schon 7,4 Fehler pro Schüler.
„Die Fehler haben sich gerade in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben“, sagte Grund. Dies entspreche bei gleichen Bewertungsmaßstäben einer Absenkung um eine ganze Note. Die größte Fehlerquelle ist demnach die Interpunktion. Aber auch die Groß- und Kleinschreibung macht den Schülern zu schaffen. Die erste Bilanz zeige offenbar, dass die hier keine Rede von einer „Vereinfachung der Schreibung“ sein kann, bilanziert Grund. Eine leicht verständlichere Orthografie war damals jedoch das Argument schlechthin für die Reform gewesen.

Zu den Regeln

Getrennt- und Zusammenschreibung: Verschiedene Regeln verstoßen gegen die Grammatik: „aufsehenerregend“ z. B. muss in einem Wort geschrieben werden, weil es steigerbar ist (aufsehenerregender, am aufsehenerregendsten); „Aufsehen erregender“ ist grammatisch falsch. Falsch sind auch Getrenntschreibungen wie „Leid Tragende“, „schwer Kranke“.
Verkannt werden in diesem Regelteil grundlegende Prozesse der Wortbildung, besonders die sehr produktive Inkorporation. Durch sie werden einst nur abhängige Glieder zu Verbzusätzen, wie z. B. in „jemanden fertigmachen“, „etwas lahmlegen“, „hochbezahlt“, „halbverhungert“. Die Univerbierung dient vor allem der Bedeutungsunterscheidung: „frisch gebackenes Brot“, aber „frischgebackener Ehemann“; „er ist mir wohlbekannt“ ist mehr als „wohl (,durchaus’) bekannt“.  Betroffen ist ein sehr großer, zum Teil sehr häufiger Wortschatzbereich.

Groß- und Kleinschreibung: Hier wurde der Versuch unternommen, eine bewährte, an der Bedeutung der Wortart orientierte flexible Regelung durch eine Vermehrung der Großschreibung zu verändern. Grammatisch falsch ist die Großschreibung in adverbialen Wendungen („des Öfteren“), bei Adjektiven („es tut mir Leid“, aber „es tut mir weh“) und Steigerungsformen („aufs Herzlichste“). Es ist widersprüchlich, Grundzahlen klein, aber Ordnungszahlen groß zu schreiben („der Zweite von rechts“, aber „die zwei nebenan“), sowie Pronomina klein („alles“, „viele“), aber pronominal gebrauchte Adjektive groß („Sonstige“, „Zahlreiche“). Zu diesen grammatischen Fehlleistungen kommt hinzu, dass die Großschreibung fester nominaler Ausdrücke („Erste Hilfe“, „Mittlere Reife“) untersagt ist.

Kommasetzung: Die Freigabe der Kommasetzung vor Infinitiv- und Partizipgruppen ist für ungeübte Schreiber eine Erleichterung, erschwert aber die Lesbarkeit von Texten. Dies widerspricht der Tendenz der deutschen Orthographiegeschichte, das Verständnis komplexer Sätze durch optische Gliederungssignale zu erleichtern, verstößt gegen das Gebot der Bedeutungsunterscheidung und ist wegen der Häufigkeit solcher Fälle folgenreich. Tatsächlich hat diese Freigabe kaum Zustimmung gefunden.

Laut-Buchstaben-Beziehungen: Die Änderungen erstrecken sich auf viele Einzelfälle, von denen die vermehrte Umlautschreibung am heftigsten kritisiert wurde. Es verstößt gegen die Sprachgeschichte, verdunkelte Beziehungen zum Grundwort wiederzubeleben („behände“ zu „Hand“) oder Volksetymologien orthographisch zu adeln („verbläuen“ zu „blau“, „belämmert“ zu „Lamm“). Bei diesen unbeholfenen Versuchen, das Stammprinzip zu stärken, gehen Unterscheidungen verloren wie z. B. zwischen „gräulich“ („etwas grau“) und „greulich“ („furchtbar“).

Worttrennung am Zeilenende: Die sind die häufigsten Änderungen der Rechtschreibreform und zugleich die unschädlichsten. Sie haben den Wörterbuchverlagen gewaltige Kosten bereitet, werden aber, weil größtenteils fakultativ, wenig beachtet. Ein schönes Beispiel für den Nonsens dieser Rechtschreibreform.

Diese Beispiele sind einer PDF entnommen, verfasst von Horst Haider Munske. Geboren 1935, war dieser bis zu seiner Emeritierung 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Germanische und Deutsche Sprachwissenschaft und Mundartkunde an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er war Mitglied der Mannheimer „Kommission für Rechtschreibfragen“ und der „Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung“, die er aus Protest verlassen hat.

Folgende Fehler werden (auch dank der NDR) häufig gemacht:

Deppenleerzeichen
Abweichende Schreibungen wie Herren Bekleidung (statt Herrenbekleidung oder Herren-Bekleidung) oder Diplom Volkswirt (Diplomvolkswirt oder Diplom-Volkswirt). Laut alter und neuer (!) Rechtschreibung ist das falsch. Solche Wortkonstrukte werden entweder zusammen geschrieben oder durch einen Bindestrich getrennt (es sei denn, es handelt sich um Eigennamen). Begünstigt wird der Fehler übrigens durch die englische Schreibweise, in der nur wenige Wörter zusammengeschrieben werden, aber auch durch die Rechtschreibreform, die vermehrt zur getrennten Schreibung ermunterte und dadurch den Eindruck vermittelte, alles wird getrennt geschrieben. Auch werben wie herunter laden oder an machen (richtig wären aber herunterladen und anmachen).

Deppenapostroph
Die Angewohnheit,
den Plural eines Wortes mit einem Apostroph zu versehen. Beispiel: CD’s oder Kai’s neuer Fernseher (in beiden Fällen ohne Apostroph). Benutzt wird das Apostroph nur, wenn man dafür Buchstaben auslässt. Z.B. “Für’s Frühstück“). Oder aber, wenn bereits ein s der letzte Buchstabe ist. Wie bei Andreas' Buch (das Buch von Andreas). Andreas Buch hingegen wäre das Buch von Andrea. Der krankhafte Gebrauch des Apostrophs in allen Lebenslagen hat übrigens auch den Begriff “Apostrophitis“ hervorgebracht.

ß oder ss
Manch einer scheint zu glauben, es gäbe kein "ß" mehr und schreibt immer "ss". Das ist falsch. Dabei kann man dies leicht lernen, denn hier gibt es eine der wenigen eindeutigen Regelungen in der NDR: nach einem lang gesprochenen Vokal wird "ß" geschrieben, nach einem kurz gesprochenen Vokal heißt es "ss".  (Man beachte das eben geschriebene Wort "heißt": hier gilt natürlich der letzte Vokal. Wenn man das Wort etwas gedehnt ausspricht, merkt man deutlich, das das "i" lang ausgesprochen wird.)

Anmerkungen zu einzelnen "Fehlleistungen"

Die Schreibweise diverser Wörter wurde willkürlich und ohne überzeugende Regeln und vor allem ohne ersichtliche Notwendigkeit geändert. Hier einige Beispiele.

übliche Schreibung

reformierte Schreibung

Anmerkungen

aufwendig

aufwändig

Die Ableitung kommt nicht von Aufwand, sondern von aufwenden. Es ist Grundwissen: Sprache geht von den Verben aus. Verben sind das Leben der Sprache.

belemmert

belämmert

Das Wort ist nicht von Lamm abgeleitet. Es kommt aus dem Niederländischen und bedeutet übel, schlimm, betrogen.

Bouclé

Buklee

...aber bei Hunderten weiteren wird keine Ersetzung é durch ee und ou durch u vorgenommen. Äußerst hässliche Schöpfungen. Schreiben wir auch Tur, Bulljong, Bulvar, Overtüre, Pularde, Turnee, Tupee oder andere? Sie merken, wie Sie beim Lesen stottern?

Bravour

Bravur

Hässliche Verstümmelung und wieder nur Stückwerk. Was ist mit Cupee, Culomb, Gurmee, Jurnal, Rulett und Hunderten anderen?

Dekolleté

Dekolletee

Wenn schon die deutsche Lautung geschrieben werden soll, dann Dekolltee. Das würde aber bisweilen die Frage aufwerfen, was das für ein Tee ist.

Delphin

Delfin

...und Hunderte weiterer ohne Ersetzung ph durch f. Sonst hätten wir auch Filosofie, Fysik, Fysiologie, Fosfor und weitere. Änderung ist inkonsequent und (zumindest) deshalb schlecht.

Differential

Differenzial

...und Hunderte weiterer mit -zial, -zion anstatt -tial, -tion. Heißt es auch Nazion, Emozion, Razion, Demonstrazion, Addizion, Multiplikazion?

einbleuen

einbläuen

Kommt einbleuen etwa von blau? Hier fehlen elementare sprachliche Grundkenntnisse bei den Reformern.

existentiell

existenziell

Existentiell ist von existent abgeleitet, nicht von Existenz.

Facette

Fassette

Das Fass - die Fassette? Die Facette hat mit einem Fass nichts zu tun. Eine völlig unsinnige Änderung.

greulich

gräulich

Und wieder soll ein Wort gestrichen werden. Denn beides muß vorhanden sein: greulich von Greuel und auch gräulich von grau, oder auch weniger üblich von Grauen

Hämorrhoiden

Hämorriden

Das Wort hat eine fremdsprachliche Bedeutung, die man bei der veränderten Schreibung nicht mehr analytisch herauslesen kann: hämo, griech. - Blut, Hämorrhoide - Blutfluß.

Jäheit

Jähheit

Aber warum nicht Hohheit? Wieder sieht man das Stückwerk, die Regellosigkeit.

Joghurt

Jogurt

Herkunft beachten und die undurchdachte Eindeutschung vermeiden. Es ist doch gut, dass man es von einem Gurt unterscheiden kann.

Känguruh

Känguru

Derzeit hieß die umwerfende Begründung: Weil der Kakadu ohne h geschrieben wird, der ja auch ein Tier ist. Ist die Kuh kein Tier?

Ketchup

Ketschup

Wenn man es schon eindeutschen will, dann Ketschapp!

Negligé

Negligee

Dann bitte konsequenterweise Neglischee!.

numerisch

nummerisch

Dass es keine nummerische (auf dem u betont) Mathematik gibt, sollte man wissen. Hier will man zwei im Kern völlig verschiedene Wörter zusammenpatzen und das Wort numerisch (auf dem e betont!) aus der Sprache entfernen.

Orthographie

Orthografie

Wenn schon, dann Ortografie. Es gibt: Foto, auch schon Fotografie. Aber es gibt nicht: Oszillograf, Grafologie, Sifon oder gar Sifong.

Phon

Fon

Fon gibt es schon (Telefonnummer). Aber Phon gibt es auch (Lautstärkemaß). So kann man beides unterscheiden. Die Änderung führt also tendenziell zu Unklarheiten.

Potential

Potenzial

Potential kommt von potent. Potenz ist etwas ganz anderes. Die reformierte Schreibung ist falsch, ein "verordneter" Fehler.

Quentchen Quäntchen Hier wurde eine Verbindung des Wortes zu „Quantum“ hergestellt. In Wirklichkeit geht „das Quentchen“ auf lat. quintus „der Fünfte“ zurück. Es bezeichnete nämlich früher ein Fünftel der Gewichtseinheit Lot.

rauh

rau

Stückwerk. Warum dann nicht Stro, Schu, Ku, ro, jä, Flo und Hunderte andere? Einfach mal per Zufall oder Laune ein Wort ändern.

Schenke

Schänke

Richtig wäre Schenke, denn es kommt von schenken, ausschenken. Ausschank ist schon eine Ableitung, kein Stamm.

schneuzen

schnäuzen

Man schneuzt sich die Nase, nicht die Schnauze. Das Wort kommt von Schneuze, eine Art Schere zum Stutzen von Kerzendochten (Ursprung im Süddeutschen).

Shrimp

Schrimp

Inkonsequent: den Schenti hat man wohl vergessen? Der ist Shanty geblieben.

Stengel

Stängel

Herkunft: mhdt., Stengel, ahdt. stengil. Stängel kommt in der Geschichte nicht vor, es ist eine freie Erfindung der Reformer.

Thunfisch

Tunfisch

Beide Schreibweisen sollen erlaubt sein und wir sehen, was die Deutschen davon halten: Konnte man in all den Jahren des Reformstreits irgendwo Tunfisch kaufen?

Tip

Tipp

Das deutsche tippen heißt berühren, anstoßen, das englische Tip heißt Hinweis, Rat. Zwei Wörter, die nichts miteinander gemeinsam haben.

Tolpatsch

Tollpatsch

Talp, Talpas, ungar., die Sohle, breiter Fuß. Tollpatsch missachtet die Herkunft des Wortes und schafft so ein neues ....

überschwenglich

überschwänglich

Diese Änderung suggeriert eine Ableitung von Überschwang. Irrtum. Ursprung ist schwingen - unregelmäßige Konjugation: schwang, geschwungen. Also überschwinglich? Oder überschwunglich? Man kann sich etwas aussuchen. Überschwenglich aber ist Volksgut.

Waggon

Wagon

Ein "verordneter" Fehler. Dadurch würde sich beim Lesenden die Betonung auf das a verschieben und man wird es nicht mehr verstehen. Man darf keine Änderung vornehmen, die beim Lesen eine Ausspracheänderung erzwingt.

Zierat

Zierrat

Hier wird etwas hineingedacht, was nicht vorhanden ist. Das Wort hat mit Rat schlichtweg gar nichts zu tun.

     
Code in Arbeitszeugnissen

Im deutschsprachigen Raum ist es gesetzlich verboten, eine offene negative Wortwahl oder gar vernichtende Formulierung zu treffen. Deshalb sind in einem Arbeitszeugnis oft verschlüsselte Aussagen enthalten. Im Laufe der Zeit haben sich Formulierungen entwickelt, die sehr versteckt, aber dennoch erkennbare Hinweise über den zu Bewertenden geben. Hier folgen einige der gängigsten Floskeln mit ihrer eigentlichen Bedeutung.

*                       erledigte alle Arbeiten mit großem Fleiß und Interesse
Eifer ja, aber kein Erfolg

*                       hat alle übertragenen Arbeiten ordnungsgemäß erledigt
ein Bürokrat ohne Eigeninitiative

*                       möchten wir seine Fähigkeiten hervorheben, die Aufgaben mit großem Erfolg zu delegieren
Drückeberger

*                       hat sich im Rahmen seiner Fähigkeiten eingesetzt
äußerst schwache Leistung

*                       zeigte für die Arbeit Verständnis
Faulpelz

*                       hat sich bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden
Wille war da, mehr leider nicht

*                       erledigt die übertragenen Arbeiten mit Fleiß und war stets willens, sie termingerecht zu beenden
absolut mangelhafte Leistung

*                       hat sich mit großem Eifer an diese Aufgabe herangemacht und war auch erfolgreich
leider dennoch mangelhafte Leistung

*                       schätzen wir ihn als einen eifrigen Mitarbeiter, der die ihm gemäßen Aufgaben schnell und sicher bewältigen kann
hat leider nichts drauf

*                       müssen wir bescheinigen, dass er sich den ihm übertragenen Aufgaben mit Eifer gewidmet hat
Pechvogel, ohne jeden Erfolg

*                       verfügt über Fachwissen und zeigt ein gesundes Selbstvertrauen
geringe Fachkenntnisse, aber ›große Klappe‹

*                       hat unserem Unternehmen großes Interesse entgegengebracht
aber nichts geleistet

*                       zeigte er sich den Belastungen gewachsen
die Nerven liegen schnell blank

*                       koordinierte er die Arbeit seiner Mitarbeiter und gab klare Anweisungen
schlechte Führungs- und Vorgesetztenqualität

*                       er erfüllte seine Aufgaben zu unserer Zufriedenheit
mäßige, kaum brauchbare Leistung

*                       er war immer mit Interesse bei der Sache
er hat sich angestrengt, aber nichts geleistet

*                       trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Arbeitsklimas bei
übertriebener Alkoholgenuss

*                       er verlässt uns im gegenseitigen Einvernehmen
Kündigung durch Arbeitgeber

Man sollte bei den Beispielen allerdings beachten, dass die genaue Einstufung der Bewertung nur im Zusammenhang mit dem vollständigen Zeugnis erfolgen kann.

Noten im Arbeitszeugnis

Neben den genannten Formulierungen spielt auch die Einstufung der Noten bei der Erstellung eines Zeugnisses eine wichtige Rolle.

Hier eine kurze Auflistung von möglichen Beispielen der Noten ›Sehr gut‹ und ›Gut‹:

*                       Note 'Sehr gut' im Arbeitszeugnis
… hat die ihm oder ihr übertragenen Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt.
… waren mit der Leistung in jeder Hinsicht außerordentlich zufrieden.
… hat den Erwartungen in jeder Hinsicht und allerbester Weise entsprochen.
… wurde von Vorgesetzten, Kollegen und Kunden stets als höflicher und fleißiger Mitarbeiter geschätzt.

*                       Note 'Gut' im Arbeitszeugnis
… hat die ihm oder ihr übertragen Aufgaben/Arbeiten stets zu unserer vollen Zufriedenheit erledigt.
… hat die Aufgaben mit äußerster Sorgfalt und Genauigkeit erledigt.
… hat den Erwartungen in jeder Hinsicht und bester Weise entsprochen.
… Verhältnis zu Vorgesetzten, Mitarbeitern und Kunden war einwandfrei.

Anhand der Beispiele wird ersichtlich, dass ein einziges Wort, wie im ersten Fall ›vollsten‹ und ›vollen‹, die Bewertung des Zeugnisses sofort verändert. Dennoch sind nicht nur die Formulierungen im Zeugnis relevant, sondern auch andere wesentliche Faktoren.

Unter anderem ist die Einhaltung der gängigen Reihenfolge zwingend notwendig, denn es darf nicht heißen: Weniger Wichtiges wird vor Wichtigem genannt. Somit sollte beispielsweise in der Leistungsbeurteilung nicht das soziale Verhalten vor der Arbeitsleistung stehen. Auch die Überbetonung und die Anwendung von ironischen Übertreibungen sollten vermieden werden, da dies häufig zu missverständlichen Interpretationen führen kann.
 

Anschaulichkeit: Der Untergang des Abendlandes
aus: "Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache"; Wilhelm Heyne Verlag; Copyright Eichborn AG, Frankfurt am Main, Oktober 2009 (www.heyne.de)

Wir haben einen Schatz: "Keine andere Sprache ist so konkret, so räumlich", schreibt der französische Übersetzer George-Arthur Goldschmidt. Und weiter: "Die meisten Wörter des Französischen kommen aus dem Lateinischen oder dem Griechischen und zeigen oft sehr wenig von ihrer Bestimmung, wo sie im Deutschen meistens direkt aus der Sprache heraus lesbar und von selber zugänglich sind." Der oto-rhino-laryngologiste ist auf Deutsch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Das versteht bei uns ein zweijähriges Kind. Französische Kinder müssen erst Griechisch lernen.

Das Deutsche ist unübertroffen an-schau-lich - allein das schon ein Wort, um das uns die Welt beneiden müsste. Achterbahn, Übermut, Schandmaul, Handschuh, Fingerhut, Zeitlupe - ein Spiel mit übertragenen Bedeutungen. Ein Ausländer, der Fingerhut zum ersten Mal hört, kann es sich aus den Bestandteilen Finger und Hut erschließen. Der Untergang des Abendlandes - was für ein griffiger Buchtitel. Und wie schwach auf Englisch: The Decline of the West. Auf Französisch: Le Declin de l'Occident. Nur mit lateinischer Vorbildung kann man sich Declin herleiten; es fehlt jegliche direkte Verbindung zum Urgrund der eigenen Sprache. Und Abendland schlägt West oder gar Occident um Längen.

Der Geisterfahrer erklärt eigentlich nichts und ist doch fast unmittelbar verständlich. Auf Englisch gibt es kein Wort für den Falschfahrer, nur eine fantasielose Umschreibung seines Tuns: wrong way driving. Das deutsche Wort spricht in Bildern, es schließt Regionen unseres Hirns auf, die der saftlose englische Begriff niemals erreicht.
Die Toscanafraktion hinterlässt sofort den Nachgeschmack von Chianti und Olivenbrot auf der Terrasse, Landvilla, Weinberge, Abendsonne.
Anschauliche Zusammensetzungen können unübertroffen heimelig sein: Wiegenlied, Kuscheltier, Abendrot, Mondenschein. Selbst weniger anschauliche Wörter wie Persilschein sind dennoch griffig.
 

 
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